Lippische Artillerie


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23.06.2010

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Die Angst vor dem Wort "Krieg"



Augustdorf, 23.06.2010


So wurde uns Wahrheit über den Einsatz in Afghanistan vorenthalten!


Es ist ein Krieg, der jahrelang nicht so heißen durfte!

Trotz beinahe täglicher Gefechte, trotz vieler gefallener Kameraden und grauenvoller Verwundungen scheute sich die Politik viel zu lange davor, die Realitäten des Afghanistaneinsatzes klar zu benennen.

Das Jahr 2009 begann mit einer ganzen Reihe von Angriffen auf die Bundeswehr in Kunduz (Nordafghanistan).

Raketen schlugen in der Nähe des Feldlagers ein, Sprengsätze explodierten neben Bundeswehr-Patrouillen, immer wieder Feuergefechte mit den Taliban, Kalaschnikowkugeln und Panzerfaustgranaten auf deutsche Soldaten.

Trotz all dieser Vorfälle blieb der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei seiner Einschätzung:
"Ich halte es für falsch, von einem Krieg zu sprechen. Es ist ein Stabilisierungseinsatz. Denn allein militärisch werden wir in Afghanistan keinen Erfolg haben. Ein Krieg wird nur militärisch geführt. Im Krieg findet kein Wiederaufbau statt, kein Bau von Schulen oder Krankenhäusern, im Krieg werden keine einheimischen Streitkräfte ausgebildet. In Afghanistan ist kein Krieg."

(Archivbild)


Am 29. April 2009 reiste der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Afghanistan.

Seine erste Station war nicht etwa bei unseren Kameraden in einem der deutschen Feldlager in Mazar-e-Sharif oder Kunduz, nein, er flog zunächst nach Kabul, um im größten Park der Stadt ein Apfelbäumchen zu pflanzen.
"Was wir hier sehen", sagte er damals, "ist das neue Afghanistan. Ein Afghanistan, in dem jetzt wieder Bäume gepflanzt werden können."

Es war eine Reise in einen reinen Märchenwald, wie sich schon bald zeigen sollte.

Wenige Stunden, nachdem der Vizekanzler und Aussenminister im Schatten eines eigens dafür aufgespannten Zeltes, Erde auf die Baumwurzeln geschippt hatte, war ein deutscher Soldat tot, neun waren schwer verwundet.

Getötet und verletzt Kameraden bei schweren Gefechten mit den Taliban nahe Kunduz.

Für den damaligen Kommandeur in Kunduz, Oberst Georg Klein und seine Soldaten mussten die Worte der Minister von Wiederaufbau und dem neuen Afghanistan daher wie Hohn klingen.

"Wir Soldaten in Kunduz haben den Ernst der Lage hart gespürt", sagte Klein nach seiner Rückkehr aus Afghanistan. "Meine Infanteristen haben die zum Teil stundenlangen Gefechte als Krieg empfunden. Kunduz hat uns und auch mich ... mit vier Gefallenen deutschen, fünf alliierten und einer Vielzahl an Leib und Seele verwundeten Kameraden bis an die Grenzen gefordert ... Ich hätte gerne auch, wie viele meiner Vorgänger, Brunnen gebohrt und Schulen eingeweiht. Die Lage ließ dies nicht zu ...
Ich hätte auch den Polizeiaufbau gerne noch weiter unterstützt. Aber die Lage ließ dies nicht zu."


Die permanent wiederkehrenden Beschwichtigungen in Berlin führten dazu, dass unsere Kameraden in Kunduz sich total allein gelassen fühlten.

Vergessen und verdrängt von allen Deutschen, auch von uns, denn wir waren auch wenig informiert. Vernachlässigt und unverstanden von der Politik.

Zu wenige ihre Zahl und ohne schwere Waffen, die zu sehr nach Krieg ausgesehen hätten.

"Wir haben immer gewusst, dass erst etwas Großes passieren muss, damit die Menschen in Deutschland endlich begreifen, was in Afghanistan los ist", erzählt ein junger Leutnant, 26 Jahre alt, über den Luftangriff vom 4. September 2009. In Kunduz war er für das Leben von dreißig Männern verantwortlich. "Wir haben immer gewusst, dass irgendwann etwas passieren wird. Nur, so schlecht, wie wir ausgerüstet sind, haben wir damit gerechnet, dass es irgendwann 80 tote Deutsche geben würde und nicht 80 tote Taliban."

Oberst Kleins Beschreibungen der Situation in Kunduz passten in keiner Weise zu dem verklärten Bild, das seine ehemaligen Vorgesetzten, Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Generalinspekteur Schneiderhan, immer von Afghanistan gemalt hatten.

Es war, als würden da Männer aus verschiedenen Welten von verschiedenen Ländern erzählen. Zwei mit den Köpfen in den Wolken, der Rest bis zum Bauch in der Sch..... !

Oberst Klein sprach im grimmigen Ton eines vom Alltag des Krieges geprägten Offiziers.

"Ich habe das PRT am 5. April 2009 übernommen", berichtete er. "Wenige Stunden danach hatte ich den ersten Feuerkampf in meiner Verantwortung. Die deutschen Kräfte ... wurden mit Panzerfäusten beschossen. Der Feuerkampf hat bis in die Nacht hinein gedauert ... Die ersten Wochen waren vorrangig durch den Beschuss des Lagers mit Raketen gekennzeichnet; nach meiner Erinnerung waren es circa dreißig Raketen, die ich selbst erlebt habe. Es grenzt an ein Wunder, dass bis heute niemand durch diesen Beschuss getötet oder ernsthaft verletzt wurde ... Wir standen Seite an Seite mit unseren afghanischen Partnern in schweren Gefechten gegen einen rücksichtslosen und erbarmungslosen Gegner, und dies hat harte Entscheidungen erforderlich gemacht. Tod und Verwundung auf beiden Seiten sind Teile dieser Auseinandersetzungen für eine bessere Zukunft für die Menschen in Afghanistan."

Oberst Klein sah sich als Kommandeur einer Kampftruppe.

Er zog nach seiner Rückkehr aus Afghanistan sogar Parallelen zwischen den Gefechten in Kunduz und dem Zweiten Weltkrieg.

Ein Vergleich, den der ehemalige Verteidigungsminister Jung ausdrücklich nicht wünschte:
"Die deutsche Bevölkerung empfindet Krieg als etwas anderes, es haben zu viele Bürgerinnen und Bürger den Krieg noch erlebt - das sind zerbombte Städte..."

Wusste er eigentlich, wovon er sprach ..

Seine eigenwillige Logik: Weil das Wort Krieg, seiner eigenen Meinung nach, bei vielen Deutschen noch schlechte Erinnerungen hervorrief, durfte der Krieg einer neuen Generation nicht so genannt werden.

Die Kameraden in Kunduz aber hatten längst ihre eigene Sprache, ihre eigene Logik gefunden.
"Wenn es einen schon erwischt, dann möchte hier jeder ehrenhaft fallen", sagte ein Oberleutnant in Kunduz im Mai 2009. "Keiner will auf so einen beschissenen versteckten Sprengsatz latschen. Wenn es schon passiert, sollen unsere Eltern hören: tapfer gekämpft und durch eine Kugel getötet."

Im April 2009 besuchte Kanzlerin Angela Merkel die Soldaten in Afghanistan.

In ihrer fast vierjährigen Amtszeit war es erst ihre zweite Reise an den Hindukusch.

Das Feldlager in Kunduz war ihr erster Zwischenstopp.

Dort, so gab das Verteidigungsministerium später bekannt,
"ließ sich Bundeskanzlerin Merkel die Erfolge bei der Umsetzung des vernetzten Ansatzes im Rahmen ihrer Afghanistanstrategie der Bundesregierung vorstellen."

Damit waren die zivilen Projekte gemeint, die Oberst Georg Klein, der Merkel an jenem Tag empfing, später einen
"Tropfen auf den heißen Stein" nennen sollte.

Die Projekte, die aus Sicht des Kommandeurs vor Ort
"weit hinter dem Bedarf" zurückblieben.

Vor ihrer Weiterreise sprach Merkel noch mit einigen unserer Kameraden.
"Hierbei", so die Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums, "kristallisierte sich der Wunsch der Soldaten heraus, eine eigene Truppenfahne in Kunduz zu bekommen."

Ach?

Hmmm

Es war der April, der mit einem schweren Gefecht begonnen hatte und mit neun verwundeten und einem gefallenen Deutschen Enden sollte. Es war der Monat, in dem die Kameraden keine Fahne, sondern vor allem eines gebraucht hätten - bessere Waffen und mehr Soldaten.

Zwanzig Minuten nach Merkels Abreise schlugen zwei Raketen in der Nähe des Feldlagers ein.

Schon 2007 hatte sich abgezeichnet, dass die Gewalt in Afghanistan weiter eskalieren würde.

Die Zahl der Sprengstoffanschläge stieg auf ein neues Rekordniveau.

Im April 2008 gab der damalige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan einer Zeitung ein Interview.

Ob sich die Situation wieder entspannen würde, wurde Schneiderhan gefragt.

"Wenn ich die Anschläge dieses Jahres allein im Norden sehe, ob auf uns oder auf Hilfsorganisationen, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass es weniger werden", antwortete er.

Schneiderhans Worte waren beinahe ein Lehrbeispiel für die Hilf- und Planlosigkeit des Verteidigungsministeriums gegenüber der stetig anschwellenden Gewalt in Afghanistan.

Mehr Anschläge waren für sie ein Hinweis darauf, dass es nicht weniger Anschläge geben würde!

Kein Wort zu Gegenmaßnahmen, kein Zeichen der Initiative.

Abwarten und schauen, Kopf ein ziehen und erst einmal der eigenen Karriere dienlich sein, und dann sehen wie die Dinge sich in Afghanistan entwickeln würden, schien die Strategie zu sein.

Keine Meisterleistung für eine Generalität, aber symptomatisch für die Schreckstarre der deutschen Afghanistanplaner.

"Ausbaden mussten das am Ende die deutschen Soldaten im Norden", sagt ein US-General. "Die deutschen Kommandeure vor Ort hatten nicht genug Truppen und ebenso nicht die richtigen Waffen, um die aufkeimende Gewalt schnell einzudämmen. Das haben einige deutsche Soldaten mit dem Leben bezahlt."

Auch schwere Waffen wie Artillerie lehnte die politische und militärische Führung jahrelang vehement ab!

Weil das zu sehr nach Krieg ausgesehen hätte.

Man fürchtete, dass TV-Berichte über den
"Stabilisierungseinsatz" mit Bildern von feuernden Kanonen beginnen würden...

Noch am 18. März 2010 hatte sich Ex-Generalinspekteur Schneiderhan vor dem Kunduz-Untersuchungsausschuss gegen den Einsatz der Panzerhaubitze ausgesprochen. Artillerie sei nun mal
"keine Waffe gegen Punktziele; sie ist eine Waffe gegen aufgeklärte Flächenziele", so Schneiderhan.

Nur die Niederländer praktizieren das anders, sie bekämpfen ausschließlich Punktziele.

Der ehemalige Generalinspekteur übersah auch nicht nur, dass die Panzerhaubitze zum Beispiel auch Nebelvorhänge schießen kann, um Soldaten unter schwerem Feuer Deckung zu bieten um Verwundete evakuieren zu können und den Rückzug zu ermöglichen.

Er ignorierte auch total, dass nahezu alle Soldaten in Kunduz die Panzerhaubitze als Symbol der Unterstützung empfanden, als Anerkenntnis ihrer schwierigen Lage - und als Waffe, die in ausweglosen Situationen möglicherweise deutsche Leben retten könnte.

Er war offenbar eher besorgt um das eigene Image.

Vor dem Ausschuss mokierte er sich darüber, dass er wegen seiner Ansichten zur Panzerhaubitze selbst unter
"artilleristischem Schwerbeschuss" stehe. Eben ein Panzermann.

In Anbetracht der schweren Kämpfe bei Kunduz nicht gerade eine sehr sensible Äußerung für einen General, der als Soldat nie ein Gefecht erlebt hat.




Wir sind in Gedanken bei Euch allen, Kameraden!

Schreibt uns, auch annonym.

webredaktion@artillerie-gesellschaft-augustdorf.de

Wir versprechen Euch, wir treten für Euch mit dieser Webseite in die Öffentlichkeit!


(Der hier wiedergegebene Text kann eine Einzelmeinung darstellen!)

Text: Hans-Georg Krause
Bilder: dpa

V.i.S.d.D.P.R.
Hans-Georg Krause
Vorsitzender
& Vorstandssprecher
Artillerie-Gesellschaft-Augustdorf e.V.


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